Wochennachlese: "Die Ernte schiesst ins Kraut" - Die Spargelernte und die Arbeitslosigkeit


Ein Monat Spargelstechen bringt ungefähr 900 Euro netto. Der Tariflohn beträgt Euro 5,75 / Stunde.

Der Hartz-IV Regelsatz liegt bei Euro 345 / Monat; hinzu kommen noch bis zu Euro 511 für die Miete.

Die Arbeitsagenturen in den Spargelanbaugebieten tun sich recht schwer, Arbeitslose in freie Spargelstecherstellen zu vermitteln. Die Meisten lehnen "aus gesundheitlichen Gründen" ab. Phänomene einer Gesellschaft im Wandel. Zwischen EDV-Büroarbeitsplatz und Spargelstechen liegen Welten. Die echte körperliche Arbeit ist uns teilweise so fremd geworden, dass wir mit recht eindrücklichen Filmen mittlerweile wieder daran erinnert werden müssen.

Die Landwirte wollen eigentlich auch gar keine deutschen Arbeitslosen: "Unmotivierte Helfer, die mit verschränkten Armen durch die Felder laufen" (O-Ton-Zitat) werden nicht gebraucht. Die Erntearbeit muss schnell gehen und erfordert harten Einsatz.

Quo vadis deutscher Arbeitsmarkt?

Um den Bezug zur Realität in der Arbeitswelt zu haben, informiere ich mich gerne ausführlich in den Betrieben und gehe durchschnittlich einen Tag im Monat in die möglichsten und unmöglichsten Niederungen der Arbeitswelt um dort praktische Erfahrungen zu sammeln. So war ich denn im letzten Monat auch einen Tag in der Landwirtschaft. Und, ja, das hat nach 4 Stunden einen ordentlichen Muskelkater und Kreuzweh und einige Blasen zur Folge gehabt. Sehr lehrreich war es trotzdem!

Da frage ich mich: Kann man einem Arbeitslosen vorwerfen, dass er keine körperliche Arbeit mehr gewoht ist? Ich denke grundsätzlich nein.

Wir leben - und die Politik erinnert uns ständig daran - im High-Tech-Zeitalter des Internet und der Automation. Der Kreis der körperlich Arbeitenden geht stetig zurück. (Dafür nehmen in der schönen neuen High-Tech-Welt die psychischen Probleme stetig zu).

Andererseits liegen in den körperlichen und klassischen handwerklichen Tätigkeiten wahre "Schätze" verborgen. Hier geht es doch um Tätigkeiten, die nicht "eben mal so" zur weiteren Gewinnmaximierung in irgendwelche Niedriglohnländer verlagert werden können. Eigentlich müssten wir uns viel mehr Gedanken um diese "ortsgebundenen Tätigkeiten" machen, als es bislang geschieht. Hier liegen immense Potentiale verborgen. Bitte nicht immer nur High-Tech. Simples Beispiel: Versuchen Sie mal auf die Schnelle einen Installateur zu finden, weil der Wasserhahn an der Waschmaschine tropft. Da hilft Ihnen das Internet nicht wirklich weiter (vom Telefonbuch online mal abgesehen, aber das gibt es ja auch noch gedruckt).

Das Problem liegt natürlich an anderer Stelle: Einen Monat Spargelstechen für Euro 900 netto kann natürlich nicht sein. Wer das fordert, soll bitte einfach mal einen Monat auf dem Feld mitstechen. Anschliessend diskutieren wir dann über die Vergütung.

Die Folge davon wäre natürlich eine Verteuerung der landwirtschaftlichen Produkte. Wäre das aber wirklich so schlimm? Die Gewichtung bei den Lebenshaltungskosten hat sich in den letzten 150 Jahren stark verschoben. Der Anteil der Nahrungsmittel ist stark zurück gegangen. Im Rahmen der längst über-überfälligen ökologischen Reformen würde der Anteil der Energiekosten sinken (weil wir an dieser Stelle schlicht den "Gürtel enger schnallen müssen"). Rohstoffe und Energie können nicht mehr so verschleudert werden wie wir es mittlerweise gewohnt sind ("Heizung ausschalten und einen Pullover mehr anziehen geht auch!"). Wir brauchen nicht jedes neue High-Tech-Spielzeug. Im Gegenzug könnte der Anteil für Nahrungsmittel an den Lebenshaltungskosten wieder steigen.

Summa summarum: Die ganzen Überlegungen zeigen, dass wir an vielen Stellen die Grenzen des Wachstums erreicht haben. Weiter aufwärts geht es höchstwahrscheinlich nicht mehr. Jetzt beginnen an vielen Stellen die Rückschritte und Auflösungserscheinungen. Das betrifft (leider) auch und gerade den Arbeitsmarkt. Wir brauchen dringend kreative und alternative Konzepte. Ob das eine selbstverliebte politische Klasse zu leisten vermag, scheint mir die dringendste und drängendste Herausforderung dieser Zeit zu sein. In diesem Sinne: Auf die Spargelfelder Politiker und in die Realität eintauchen!

Ach ja, und den gesamtwirtschaftlichen "Gürtel" werden wir wahrscheinlichlich auch deutlich "enger schnallen" müssen. Nur sollte man nicht bei den Ärmsten sparen!

(Anstoss zum Beitrag war dieser Artikel im Hamburger Abendblatt.)

Gepostet am Sonntag - 21. Mai 2006, 12:00
       
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